Die Hauptsache – ein buntes Stück über Missverständnisse, Liebe und Glückseligkeit

Das Deutsche Gehörlosentheater gastierte am 19. Oktober mit seinem Stück „Die Hauptsache“ im gut besuchten Theater Arnstadt. Mit der bunten Komödie aus der Feder des 1953 verstorbenen, russischen Theatermachers Nikolai Evreinov begab sich das Deutsche Gehörlosentheater unter der künstlerischen Leitung von Jeffrey Döring in bisher unbekannte Gefilde. Denn erstmals standen taube und hörende Darsteller*innen gemeinsam auf der Bühne und kreierten für die Zuschauer einen Nachmittag über Liebe, Verstellung und die Kunst, sich trotz sprachlicher Hürden zu verständigen.

Inhaltlich ging es in dem Stück vor allem darum, wie durch die Kraft der Maskerade und den Zauber des Theaters der Trübsinn und die Einsamkeit der Menschen in Liebe und Glückseligkeit verwandelt werden kann. Die Besucher*innen einer mysteriösen Wahrsagerin in einem namenlosen, russischen Städtchen sind geplagt von Hunger und Krankheit, aber noch schlimmer machen ihnen Trübsinn und Einsamkeit zu schaffen und verdüstern ihre Gedanken bis hin zu Suizidgelüsten. Ein reicher Lebemann macht es sich zur Aufgabe die Gemüter dieser Personen aufzuhellen. Er beschafft sich drei äußerst erfolglose Schauspieler*innen und zieht mit ihnen verdeckt in ein russisches Wirtshaus, wo sich all die traurigen Gäste der Wahrsagerin bereits einquartiert haben. Dort beginnt nun ein buntes Verwirrspiel der Gefühle. Die junge Tänzerin gibt sich als Hausmädchen aus und verführt den selbstmörderischen Studenten. Ihr Ehemann, der Schauspieler, flirtet mit der blässlich kranken Stenotypistin, während die Komikerin ununterbrochen Wodka trinkt und nebenbei der verbitterten Oberlehrerin ein Beruhigungsmittel nach dem nächsten verabreicht. Herzen werden entflammt, Paare verlieren und finden sich und über all dem wacht mit einem milden Lächeln der ominöse Wohltäter.
Während die tauben Darsteller*innen in Deutscher Gebärdensprache auf der Bühne kommunizierten, nutzten die hörenden Darsteller*innen überwiegend die Deutsche Lautsprache mit dem Ziel, die Kluft zwischen den Sprachen, das Miss- und Nichtverstehen in den Mittelpunkt der Inszenierung zu stellen.

Das Publikum war bunt gemischt – Taube, Hörende mit und ohne Gebärdensprachkompetenz. Auch eine größere Gruppe war mit einem Reisebus aus Kassel angereist, um sich das von vielen tauben Zuschauern bereits heftig diskutierte Theaterstück anzuschauen.
Die Kritiken betrafen vor allem die Passagen, in denen die hörenden Darsteller*innen in Lautsprache kommunizierten, ohne dass eine Verdolmetschung in Gebärdensprache angeboten wurde. Kritik, die nur allzu nachvollziehbar erscheint, denn mit Kommunikationsproblemen und Missverständnissen haben taube Menschen im Alltag mit ihren hörenden Kommunikationspartnern genug zu kämpfen. Wie beispielsweise Benedikt Sequeira Gerardo, der in einem Artikel auf dem Blog Taubenschlag seine Eindrücke zum Theaterstück beschreibt, empfanden es auch einige der in Arnstadt anwesenden tauben Besucher.

„Ich habe leider nur die Hälfte mitbekommen, und die im Hintergrund projizierten Texte und teilweise Gebärdenspracheinblendungen waren nicht so gut zu sehen, da sie von Bühnenrequisiten verdeckt wurden. Und ich fand die Texte auch verwirrend, da sie anscheinend nicht immer das abbildeten, was lautsprachlich an mir vorbei ging.“ so Marcus Beyer aus Erfurt.

„Den Anfang des Stückes fand ich super, mit viel Mimik und sauberer DGS, das konnte ich gut verstehen. Aber im weiteren Verlauf, als die hörenden Darsteller in Lautsprache redeten, ist mir der Handlungszusammenhang abhandengekommen und ich habe dann den weiteren Inhalt nicht richtig verstehen können. Da hätte ich mir eine Verdolmetschung oder zumindest Untertitel gewünscht.
Ich fand es gut, dass auf der Bühne hörende und gehörlose Darsteller*innen gemeinsam gespielt und dadurch die beiden Kulturen näher zusammengebracht haben, aber leider auf Kosten meines Inhaltsverständnisses.“, berichtete Sabine Ulrich, die mit ihrer Familie aus Weimar angereist war.

Aber eben genau diese Kommunikationsprobleme, das Miss- und Nichtverstehen zwischen Hörenden und Gehörlosen bildeten den zentralen Punkt der Inszenierung. Im Verlauf des Stückes schienen sich die Darsteller*innen immer besser zu verstehen, während sie zu Beginn permanent aneinander vorbei kommunizierten. Die dabei konstruierten komischen Situationen, die sich aus den Missverständnissen ergaben, blieben leider in einigen Fällen nur den hörenden gebärdensprachkompetenten Zuschauern vorbehalten, da nicht alle lautsprachlichen Passagen gedolmetscht wurden. Andererseits gab es eine größere Anzahl an Szenen, in denen ausschließlich in Deutscher Gebärdensprache kommuniziert wurde und deren Komik den hörenden, nicht gebärdensprachkompetenten Zuschauern verschlossen blieb. Den besten Zugang zum Stück, hatten deshalb hörende gebärdensprachkompetente Zuschauer.

Das Deutsche Gehörlosentheater versucht mit dem Stück „Die Hauptsache“, welches die Macher selbst als Experiment bezeichnen, die beiden Kulturen, Sprachen und Lebenswelten der Hörenden und Gehörlosen etwas näher zusammen zu bringen. Betrachtet man den Inhalt des Stückes, so kann man den Versuch als „geglückt“ bezeichnen, was die gemischt-kulturellen Pärchen am Ende der Handlung beweisen. Ob es aber gelingt, dies auch auf die Zuschauer zu übertragen, muss Jeder für sich selbst beantworten.

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