Große Resonanz beim 1. Thüringer Kinder-Gebärdensprach-Festival

Über 170 interessierte Besucher tauchten am 19. November beim 1. Thüringer Kinder-Gebärdensprach-Festival ein in die Welt der „sprechenden Hände“. 14 Kinder präsentierten ihre vorher einstudierten Geschichten und Witze einem jubelwilligen Publikum. Eingeladen hatte der Verein für bilinguale Bildung in Deutscher Gebärdensprache und Deutscher Lautsprache (BILING e.V.).

Der Rathaussaal war prall gefüllt, als Arnstadts Bürgermeister Alexander Dill um 14:50 Uhr das Festival als Hausherr eröffnete. Er begrüßte die Gäste mit einem gebärdeten HALLO HERZLICH WILLKOMMEN. Ihm gegenüber im Publikum saßen sowohl gehörlose, schwerhörige als auch hörende Besucher. Und auch der Biling e.V. als Veranstalter des Kinder-Gebärdensprach-Festivals begrüßte seine Gäste persönlich, indem alle anwesenden Mitglieder auf die Bühne traten und gemeinsam gebärdeten: HERZLICH WILLOMMEN 1. KINDER GEBÄRDEN FESTIVAL THÜRINGEN. Der 1. Vorsitzende Manuel Löffelholz und Vorstandsmitglied Marcus Beyer führten abwechselnd durchs Programm.

Nach der Begrüßung und ein paar organisatorischen Hinweisen konnten die Kinder und Erwachsenen unterschiedliche Workshops besuchen und ihre Gebärdensprachkompetenzen ausbauen. Für die Kinder wurde ein Witze- und Geschichten-Workshop angeboten. Die Kinder konnten bereits zu Hause vorbereitete Witze und Geschichten noch einmal üben oder sich welche mit den Workshop-Leitern erarbeiten. Den Witze-Workshop leitete Daniela Krabbe, Theatermacherin aus Dresden. Das Thema Witze war sowohl unter den gehörlosen als auch hörenden Kindern sehr gefragt und so kam es, dass auch spontan noch einige vorher nicht angemeldete Kinder diesen Workshop besuchten. Einige hörende Kinder kamen das erste Mal mit Gebärdensprache in Berührung und waren total begeistert, was man mit seinen Händen alles ausdrücken kann. Den beiden achtjährigen Freunden John und Arthur aus Arnstadt beispielsweise gefiel am besten, wie man in Gebärdensprache klatscht. Sie führten am Nachmittag gemeinsam mit Sienna, Julie und Laura einen Witz in der für sie bisher unbekannten Sprache auf.

Den von Katrin Koschollek (gl) und Kathrin Löffelholz (h) angebotenen Geschichten-Workshop besuchten nicht nur Kinder, sondern auch interessierte Erwachsene. Die von den Kindern mitgebrachten Geschichten wurden durch Hinweise weiter verbessert und die beiden Workshop-Leiterinnen hatten zusätzlich kurze Bildgeschichten vorbereitet.

Die Erwachsenen hatten die Wahl zwischen einem von Erika Beyer geleiteten Schnupperkurs DGS, der keine Vorkenntnisse voraussetzte, einem Fortgeschrittenen-Workshop der Gebärdensprach-Linguistin Dr. Daniela Happ und einer Stadtführung durch Arnstadt mit Uta Kessel und Dolmetscherin Irina Kolbe. Im Anschluss konnten sich alle Besucher bei einer Pause mit Kaffee und Kuchen stärken, erste Kennenlerngespräche führen und zum Teil lange nicht gesehenen Freunden Hallo sagen.

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Vor den Aufführungen der Kinder bekam der Verein einen Fördermittelscheck in Höhe von 4.260 Euro von Marco Hedrich überreicht, dem Vertreter des Thüringer Landesbehindertenbeauftragten, als Unterstützung für die diesjährigen Projekte.

Nun war es endlich so weit: Die Zeit der Aufführung war gekommen, darauf hatten sich manche Kinder schon lange vorbereitet. Um 17 Uhr präsentierten sie voller Aufregung ihre Geschichten und Witze, die von den beiden Gebärdensprachdolmetscherinnen Claudia Oelze und Irina Kolbe für die Hörenden gedolmetscht wurden. Die Jury, bestehend aus Dr. Daniela Happ (gl), Annekatrin Walther (h), Gundula Bordin (h) und Tino Gleis (gl), hatte es nicht einfach – sie musste ähnlich wie bei einem Poetry Slam die Kinderbeiträge bewerten. Zum Schluss gab es jedoch in beiden Altersklassen viele strahlende Gesichter und stolze kleine und größere Gewinner.

Zum Ausklang gab es ein kurzes, bilinguales Gastspiel des Erfurter Theaterprojekts „StrengVertraulich“. Die Schauspieler zeigten einen Ausschnitt aus ihrem Stück „Frosch gepresst, Dating, Popcorn, Apfelsinen“ und ernteten damit viel bilingualen Applaus.

Vor der Siegerehrung, die um 19 Uhr im Anschluss folgte, wurden beim Abendessen schon die ersten Resümees des Festivals gezogen, Kontakte geknüpft und über die Platzierungen der Kinder spekuliert. Der Jury fiel die Entscheidung um die ersten Plätze nicht leicht.

In der Altersklasse 4–9 gewann Amelie Ulrich mit einer Geschichte über ein Hunderennen. In der Altersklasse 10–15 konnte sich Jessica Beyer mit einer Geschichte von einem schmelzenden Schneemann über den 1. Platz freuen. Alle Kinder wurden für ihre Leistung und ihren Mut mit Preisen gewürdigt, die sie sich selbst vom großen Geschenketisch aussuchen durften.

Unter den Teilnehmern war auch der Frankenhainer Gerhard Sauerbrey (gl), der sich viele Jahre für die Anerkennung der Gebärdensprache eingesetzt und für eine gleichberechtigte Teilhabe und Entwicklungsmöglichkeit für Gehörlose in unserer Gesellschaft gekämpft hat. Dafür wurde er im Jahr 2004 mit dem Thüringer Verdienstorden und 2015 mit der Samuel-Heinicke-Medaille ausgezeichnet.

„Eine Fortführung des Kinder-Gebärdensprach-Festivals ist auf jeden Fall geplant“, versicherte Manuel Löffelholz. Erste Interessenten und Jurymitglieder haben auch schon für das nächste Festival ihre Teilnahme angekündigt. „Der organisatorische Aufwand und die vielen Stunden der Vorbereitung waren wie weggeblasen, als wir nach der Siegerehrung in die strahlenden Kinderaugen blickten“, so die Organisatoren des Festivals.

Ein großer Dank geht an alle Beteiligten, die unser 1. Kinder-Gebärdensprach-Festival ermöglicht und durch Spenden und ehrenamtlicher Hilfe unterstützt haben.


Informationen zum BILING e.V.

Wir sind eine Interessengemeinschaft bestehend aus hörenden, schwerhörigen und gehörlosen Menschen, die sich für die Förderung und den Ausbau von bilingualen Informations- und Bildungsangeboten einsetzt. Viele unserer Mitglieder sind Eltern von gehörlosen, schwerhörigen und hörenden Kindern.

Unser Name „BILING“ steht für bilinguale Bildung und meint im speziellen die Zweisprachigkeit mit Deutscher Laut- und Gebärdensprache.

Dafür setzen wir uns ein:

  • Gleiche Bildungschancen
  • Förderung des Ausbaus von bilingualen Informationsangeboten und Bildungsmöglichkeiten
  • Durchführung von Informations-, Bildungs- und Aufklärungsprojekten
  • Ausbau von bilingualen Kulturangeboten
  • Kulturaustausch zwischen gehörlosen und hörenden Menschen

Weitere Infos unter: www.biling-ev.de

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