Wie eine große Familie – die Tagung des Bundeselternverbands gehörloser Kinder

Jedes Jahr, wenn es auf Himmelfahrt zugeht, steigt die Vorfreude bei Eltern und Kindern wieder viele Freunde und Bekannte in Duderstadt auf der Jahrestagung des Bundeselternverbandes gehörloser Kinder zu treffen. In diesem Jahr stand die Tagung unter dem Motto „Macht mit – seid fit. Was gibt mir Mut, was tut mir gut.“ Während wir Eltern an interessanten Vorträgen und Diskussionsrunden teilnehmen konnten, entdeckten unsere Kinder die starken Bären im Bärenpark Worbis, spielten auf dem wunderschön im grünen gelegenen Gelände der Ferienanlage auf dem Pferdeberg nicht weit entfernt von Duderstadt und bastelten und malten Masken und andere Dinge. Sehr fürsorglich und liebevoll wurden sie von hörenden und gehörlosen Studenten der Uni Berlin betreut, die sich jedes Jahr schon im Oktober darüber Gedanken machen, welche tollen Sachen sie mit unseren Kindern unternehmen können.

 

Wir fühlen uns in Duderstadt immer sehr wohl und geborgen, wie in einer großen Familie. Das schönste sind die leuchtenden Augen der Kleinen, wenn so viel um sie herum gebärdet wird.

Christiane Hildebrandt, Mutter eines tauben Kindes

 

Die Tagung ist jedes Jahr ein Höhepunkt für uns und unsere Kinder. Vom Himmelfahrtsdonnerstag bis zum Sonntag erleben wir Eltern sehr spannende Vorträge und Workshops, tauschen uns mit anderen Eltern aus und können dadurch auch von den geteilten Erfahrungen profitieren. Unsere Kinder treffen ihre Freunde wieder, sind gemeinsam kreativ und erleben spannende Abenteuer.

Manuel Löffelholz, Vater von zwei tauben Kindern

 

Wir trafen viele Freunde und Bekannte und konnten die interessanten Vorträge und Workshops auch gleich durch den persönlichen Erfahrungsaustausch mit Anderen ergänzen. Besonders für die Kinder, die im Alltag weniger Kontakt zu anderen gebärdensprachigen Kindern und Erwachsenen haben, sind diese vier Tage ein unbeschreiblich schönes Erlebnis. Hier erleben sie das, was für hörende Kinder im Alltag normal ist: barrierefreie Kommunikation in der Kinderbetreuung, mit den anderen Kindern und Erwachsenen.

Wie auch im letzten Jahr lud das Wetter wieder zum Spielen und Sitzen im Freien ein. Unsere Kinder erinnerten sich noch an das schöne Spielhaus mit Balkon in der Sandkiste.

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Prof. Dr. Christian Rathmann, Leiter der Abteilung Deaf Studies und Gebärdensprachdolmetschen am Institut für Rehabilitationswissenschaften der Humboldt Universität Berlin, beschrieb seine Spracherwerbsentwicklung in sieben Lebensphasen (Frühkindliche Phase bis zur Gegenwart) und verglich seine Erfahrungen mit denen eines 10 Jahre jüngeren tauben Freundes.

Rathmann wurde 1970 in Gera als Sohn hörender Eltern geboren und besuchte die Gehörlosenschule Erfurt und später die Schwerhörigenschule Berlin. Gebärdensprache fand damals sowie auch zum Teil heute noch in der deutschlandweit sehr lautsprachlich geprägten Förderschullandschaft im Unterricht nicht statt. Nur unter den Kindern auf dem Pausenhof wurde gebärdet, mit den Lehrern musste gesprochen werden. Bei seinem Freund, der etwa 10 Jahre nach ihm mit anderen gehörlosen Kindern zusammen inklusiv beschult wurde, war das schon ganz anders. Er hatte hörende und gehörlose Kinder um sich und auch im Elternkreis gab es gehörlose Bekanntschaften und es fand eine bunte Mischung der Kommunikation statt.

Rathmann profitierte viel von seiner hörenden Schwester die musizierte und russisch in der Schule lernte. Durch diesen Zugang zu einer anderen Sprache fiel es ihm später auch leichter, z.B. während seines Linguistik-Studiums in Hamburg und Austin (Texas) weitere Schrift- und Gebärdensprachen zu lernen. Auch den Zugang zur Musik bekam er durch das Nacheifern seiner älteren Schwester. Seine Eltern sagten ihm damals: „Ein Instrument brauchst du nicht zu lernen“, doch er wollte es trotzdem ausprobieren.

Bildquelle: Deutsche Gehörlosenzeitung

 

Eltern sollten viel geben aber nichts erwarten.

Prof. Dr. Christian Rathmann (Leiter der Abteilung Deaf Studies und Gebärdensprachdolmetschen am Institut für Rehabilitationswissenschaften der Humboldt Universität Berlin)

 

Aus seinem Vortrag konnten wir viel praktisches Handwerkszeug für den Alltag mitnehmen und sein Plädoyer, den Kindern so viel Input wie möglich anzubieten auch in verschiedenen Sprachen werden wir uns zu Herzen nehmen.

Der Vortrag von Patty Shores beschäftigte sich mit dem Thema wie Mittels Gebärden- und Schrift-Sprache die Stärken und die Potentiale der Kinder verbessert werden können. Shores ist Professorin im Studiengang Gebärdensprachdolmetschen und Leiterin des Lehrgangs Gebärdensprachpädagogik an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik in Zürich. Geboren wurde sie in Südafrika und wuchs zwischen Niederländern, Österreichern, Afrikanern und diverser anderen Kulturen und Sprachen auf. Um ihr die Besten Entwicklungsmöglichkeiten zu geben zogen ihre Eltern mit ihr nach Kanada. Dort besteht die gesetzliche Pflicht für Eltern von gehörlosen Kindern und auch für weitere Familienangehörige Gebärdensprache zu erlernen. Davon können wir in Deutschland nur träumen. Hierzulande muss man als Vater oder Mutter eines gehörlosen Kindes sehr oft um die Bewilligung von Gebärdensprachkursen kämpfen und braucht Kraft um dies gerichtlich zu erstreiten, damit man dem eigenen Kind eine Sprache beibringen und es erziehen kann.

Patty Shores arbeitete zunächst als Lehrerin und unterrichtete hörende Schüler mit Unterstützung eines Dolmetschers. Jetzt arbeitet sie an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik in der Schweiz, wo es normal ist, dass man als Logopäde auch gebärdensprachkompetent ist um gehörlose Kinder ohne Dolmetscher logopädisch fördern zu können. Wieder so ein Traum für uns deutsche Eltern gehörloser Kinder.

Patty Shores animierte uns zum lebenslangen Lernen. Besonders in unserer heutigen Welt, in der der kulturelle Zusammenhang kritisch ist, ist es wichtig sich auch auf andere Kulturen und Sprachen einzulassen. Auch Christian Rathmann riet dazu, den Kindern schon früh auch ASL oder BLS anzubieten.

Shores sagte, „Es muss ein Paradigmenwechsel in Europa stattfinden –talking within statt talking about.“ Wir alle seien Steuerzahler die ein Recht darauf haben auch einzufordern, was mit unserem Geld geschehen soll. Es reicht nicht aus zu klagen, damit unsere Anträge letztendlich bewilligt werden. Wir sollten uns einmischen und politisch aktiv werden um mitzureden und nicht nur über etwas zu reden.

Sie beschrieb den modernen Lerner anhand der Metapher eines Fahrrades. Der Sattel ist die Stabilität der Beziehung zum Kind, die Pedale mit Kette die kognitiven Elemente: Wissen und Fertigkeiten, die Bremsen sind funktionelle Aspekte und moralische Entscheidungen und die Räder: „Culturalism“, Sprache und Kultur in der Lebens- und Arbeitswelt. Beide Räder, die Gebärdensprache und die Schriftsprache, sollten möglichst gleich groß sein um flott voran zu kommen und um sich interkulturell weiterzuentwickeln.

Ein weiterer sehr interessanter Workshop war „The Walking Smombies“ von dem 1983 in München geborenen Fabian Spillner. Spillner selbst Vater 3er Kinder rief in seinem Vortrag zum Nachdenken über die heutige vernetzte Welt unter ständiger Begleitung des Smartphones auf. Es gab sehr anregende Diskussionen darüber, ab wann denn ein Smartphone für Kinder sinnvoll ist. Brauchen gehörlose Kinder eher ein Handy als hörende und welche Gründe gibt es für die Anschaffung eines Smartphones? Am häufigsten wurde begründet, dass unsere Kinder ja erreichbar sein müssen. Auch sollen sie den Eltern Bescheid geben können, wenn sie Hilfe brauchen. Doch werden diese Hilfsmittel auch genau dafür eingesetzt? Die Diskussionen bewegten sich im Spannungsfeld zwischen Medien- und Technikkompetenz vs. Spielsucht und Missbrauch der Technik.

Haben sie schon mal darüber nachgedacht wie ein Urlaub ohne Smartphone wäre? Zwei Wochen ohne Kontakt nach Hause, ohne Googlemaps mit Landkarten und Navigation, mit aufregenden Berichten und Bildern für die Daheimgebliebenen nach dem Urlaub, mit Ruhe ohne das ständige vibrieren des Handys mit Augenkontakt bei Unterhaltungen, mit Zeit zum Spielen wenn eure Kinder Aufmerksamkeit einfordern…

Patty Shores brachte ein schönes Gedicht mit, was sie uns als Leitgedanken für unser Handeln nahe legte und welches gut zu diesem Thema passt. Es heißt „Nimm dir Zeit“.

Bildquelle: Bayerischer Rundfunk

Nimm dir Zeit, um zu arbeiten; es ist der Preis des Erfolgs.
Nimm dir Zeit, um nachzudenken; es ist die Quelle der Kraft.
Nimm dir Zeit, um zu lesen; es ist die Grundlage des Wissens.
Nimm dir Zeit, um zu spielen; es ist das Geheimnis der Jugend.
Nimm dir Zeit, um freundlich zu sein; es ist das Tor zum glücklich sein.
Nimm dir Zeit, um zu träumen; es ist der Weg zu den Sternen.
Nimm dir Zeit, um zu lieben; es ist die wahre Lebensfreude.
Nimm dir Zeit, um froh zu sein; es ist die Musik der Seele.

Patty Shores

 

Am Nachmittag des Tagungssamstags wurden sehr viele verschiedene Eltern-Kind Workshops angeboten, z.B. zum Thema Fotografieren, Tanzen, Balancieren, Yoga, Street Dance, Fußball, Gebärdensprachtheater und Gebärdensprachpoesie. Den krönenden Abschluss bildete wieder der kulturelle Abend, bei dem die in den Workshops erarbeiteten Inhalte präsentiert und aufgeführt wurden.

Neben den Fachvorträgen und Workshops sind auch die Abende sehr wertvoll um neue Kontakte zu knüpfen, Erfahrungen auszutauschen und dann beladen mit vielen neuen Informationen neben unseren schlafenden Kindern in Bett zu schlüpfen und erschöpft einzuschlafen.

Wir freuen uns schon auf das nächste Jahr und hoffen zwischenzeitlich den einen oder anderen zu sehen oder zu treffen. Wir drücken die Daumen für die Petition „Für Barrierefreie Bildung mit Gebärdensprache“ von Magdalena Stenzel und überlegen wie wir unsere DGS und ASL Kompetenzen weiter ausbauen können.

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